Wenn stark sein zur Normalität wird
Warum viele von uns gelernt haben zu funktionieren, bevor sie gelernt haben zu fühlen.
Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich als Kind oft alleine war. Dadurch habe ich früh gelernt, auf eigenen Beinen zu stehen und vieles mit mir selbst auszumachen.
Damals habe ich das nicht hinterfragt. Es war einfach mein Alltag.
Heute weiß ich, dass mich diese Erfahrungen stark gemacht haben. Sie haben mir beigebracht, Verantwortung zu übernehmen, weiterzumachen und auch schwierige Situationen zu bewältigen.
Doch es gab etwas, das ich erst viele Jahre später gelernt habe.
Dass Schwäche zeigen keine Schwäche ist.
Lange Zeit dachte ich stark sein bedeutet, alles alleine schaffen zu müssen. Nicht zu viel zu fühlen. Nicht zu viel zu zeigen. Zu funktionieren, auch wenn es im Inneren ganz anders aussah.
Gefühle hatten in meiner Kindheit wenig Platz. Zumindest fühlte es sich für mich so an. Stark sein wurde normalisiert. Weitermachen wurde erwartet. Über Gefühle wurde nicht viel gesprochen.
Erst als Erwachsene begann ich, vieles zu hinterfragen. Warum fällt es uns oft so schwer, Hilfe anzunehmen? Warum glauben wir, immer stark sein zu müssen? Warum haben wir gelernt, Tränen als schwäche zu sehen?
Mit der Zeit wurde mir bewusst, dass viele unserer Überzeugungen nicht bei uns begonnen haben. Unsere Eltern haben uns das gegeben, was sie selbst gelernt haben. Und ihre Eltern haben es wiederum von ihren Eltern übernommen.
Viele Generationen vor uns mussten funktionieren. Sie mussten stark sein, um Herausforderungen zu überstehen. Für Gefühle, Verletzlichkeit oder innere Heilung war oft kein Raum. Nicht weil sie nicht lieben konnten. Sondern weil sie selbst nie anders kennengelernt haben.
Dieser Gedanke hat etwas in mir verändert.
Ich habe aufgehört, meinen Vorfahren Vorwürfe zu machen. Stattdessen begann ich zu verstehen. Sie konnten mir manches nicht beibringen, weil sie es selbst nie erfahren haben. Heute bedeutet Stärke für mich etwas anderes als früher.
Stärke bedeutet für mich nicht mehr, alles alleine tragen zu müssen. Stärke bedeutet, ehrlich zu sein. Stärke bedeutet, Gefühle zuzulassen. Stärke, Grenze zu setzen.
Und manchmal bedeutet Stärke auch, Dinge loszulassen, die schon längst nicht mehr zu dir gehören. Alte Erwartungen. Alte Ängste. Alte Geschichten darüber, wer wir sein müssen, um akzeptiert zu werden.
Vielleicht haben viele von uns gelernt, stark zu sein, bevor wir gelernt haben, uns sicher zu fühlen.
Dass Verletzlichkeit keine Schwäche ist.
Und dass wahre Stärke oft dort beginnt, wo wir aufhören, gegen uns selbst zu kämpfen. Vielleicht ist genau das Heilung. Nicht jemand anderes zu werden. Sondern nach und nach zu der Person zurück zu finden, die wir schon immer waren. Vielleicht dürfen wir heute damit beginnen, Stärke neu zu definieren.
Nicht als das, was wir aushalten. Sondern als das, was wir heilen.
Vielleicht ist genau heute ein guter Tag, damit zu beginnen. Schritt für Schritt zurück zu dir.
Schön, dass du da bist.
